Kondolenzbuch

Helmut Winkelmann

1941 - 2018

Kondolenzbuch von Helmut Winkelmann.

Er liebte Anekdoten und gute Geschichten. Am liebsten erzählte er sie selbst, mit einer Leidenschaft und vor allem einer Stimme, an der man nicht vorbeihören konnte. Seine Stimme wird seinen Freunden, Bekannten und seinen Fans noch lange in Erinnerung bleiben. Hier können Nachrichten, Gedanken, Geschichten und Beileidsbekundungen an Helmut Winkelmann und seine Familie hinterlassen werden, öffentlich oder ganz privat.

Eintrag von Johnny Melville vom 15. Oct 2018

Helmut was always kind, respectful and generous to me, a real friend. He was a theatre great with a voice that carried experience, compassion and clarity. I salute you Helmut and look forward to meeting you next time: rest in sweet peace.

Eintrag von Volker und Lore Korn vom 28. Sep 2018

Lieber Helmut,
leider, leider konnten wir deiner Verabschiedung, die laut vieler Aussagen äußerst bewegend und hochpersönlich gewesen sein muss, nicht beiwohnen, da wir einen lang geplanten Urlaub verbringen "mussten". Da wir mit Sohn Tobias und Marcel unterwegs waren, konnten gleich vier Mitglieder der Familie Korn nicht nach Bad Vilbel kommen. Aber Florian, unser Ältester, konnte Jutta, Mika und Malte sein aufrichtiges Beileid ausdrücken.
Ich möchte hier jedoch mal kurz schildern, wie mein Mann Volker und ich (Jutta`s Schwester) dich das erste Mal in Nürnberg erleben durften. Unsere Familie war zu einem Einmann-Stück eingeladen, das zwar vom Schauspielhaus geleitet, jedoch im Nürnberger Planetarium stattfand. Herrliche Kulisse, ein relativ persönlicher Rahmen - und dann kamst du - als "Tamerlan". Ein wirklich umwerfendes Erlebnis, fast zwei Stunden lang beeindruckte da eine einzelne Person das staunende Publikum.
Ich habe im Laufe der Jahrzehnte alle Zeitungsartikel, Fernsehprogrammvorschauen (z.B. "Westfälische Schelme" usw.), Theaterkritiken, gesammelt. Letztere bezogen sich z.B. auf Bunbury (1979) oder "Jahrmarktfest zu Plundersweilern" von Peter Hacks.
Ein mittelalterlicher, Gregorianischer Song mit deiner sonoren Stimme war sogar ein Mal in den Charts erschienen. Ich bin auch Besitzerin einer sechsteiligen CD-Sammlung mit dem Titel "Schulinfarkt" von Jesper Juul, die du besprochen hast und die mich als Pädagogin damals sehr interessiert hat.
Vor fünfundzwanzig Jahren hast du mich zum ATP-Tennis-Turnier in die Festhalle Frankfurt eingeladen, du machtest den Sprecherjob, bei dem du laut Kritikern nicht einfach gesprochen, sondern die Ansage regelrecht "zelebriert" hast. "Souverän und engagiert" und mit viel Draht zum Publikum erledigtest du deine Ansagen. Engagiert nicht nur deswegen, weil du selbst in den Fünfzigern bei "Blau-Weiß Neuss" Tennis gespielt hast. Wegen eines Bühnenunfalls musstest du das Racket zur Seite legen.

Lieber Helmut, wir haben uns immer sehr gefreut, deine einmalige und markante Stimme irgendwo wahrzunehmen und waren regelrecht stolz auf dich und uns, dich in unserer Verwandtschaft zu haben. Wir behalten dich in ganz, ganz guter Erinnerung und geben dir ein Dankeschön mit auf den Weg. Deine "Popp-Korns"

Eintrag von Saskia Schneider vom 16. Sep 2018

Lieber Helmut,
heute ist der erste Auftritt der Blauen Blume nach der Sommerpause im Historischen Museum.
Nach 13 Jahren, in denen Du nie gefehlt hast und immer alles möglich gemacht hast, fällt das sehr
schwer, ohne Dich.
Du warst immer der ruhende Pol, wenn einem von uns Musikern mal wieder
die Hutschnur platzte wegen diverser organisatorischer Verschwörungen gegen uns. Ich höre noch
Dein - oft verschmitztes - : "Aber Saskia..."
Ohne Dich wäre es gar nicht möglich gewesen, den Programmen Bilder zu unterlegen. Regelmäßig
holtest Du in Offenbach Beamer und Leinwand ab, als wir noch in der Loge zur Einigkeit auftraten.
Nie unwillig, höchstens mit einem leichten, nicht zielgerichteten Gemurmel.
Ich freute mich immer schon vorher auch auf das Zusammensitzen nach den Veranstaltungen.
Man konnte herrlich mit Dir plaudern, auch am Telefon, und plötzlich war die Zeit weggelaufen,
ohne dass man es merkte.
Es hat Spaß gemacht, mit Dir durch das Baltikum zu touren und eigentlich, mein lieber Freund,
wollten wir dies demnächst wiederholen... Da wäre noch so vieles gewesen...
Im Herzen bleibt Du bei uns und nicht nur das: Bei den letzten Veranstaltungen im Willemer
Häuschen ohne Dich habe ich trotz Deiner physischen Abwesenheit Dein Schmunzeln "gehört" und
so wird's bleiben...
Saskia

Eintrag von Tobi vom 09. Sep 2018

Liebe Jutta, liebe Mieka und lieber Malte,

gerade habe ich den Mitschnitt der Trauerfeier angehört. Ihr habt Helmut sehr schön verabschiedet. Ich wünsche euch viel Kraft und Energie in der kommenden Zeit.

In meinen Alben habe ich viele Erinnerungen an Helmut aufgefrischt: Könnt ihr euch noch an den Urlaub auf Langeland (DK) erinnern?

Eintrag von Thorsten, Vincent & Annette vom 07. Sep 2018

In Erinnerung an schöne und witzige Familienabende, einen tollen Familienurlaub in Aix en Provence, an das beste Mousse au Chocolat und Bircher Müsli (damals noch zu Eurer Zeit im Frankfurter Westend)...

Deine Stimme IST fester Bestandteil des deutschen Fernsehens und es wird schön sein, Dich hin und wieder zu hören!

Thorsten, Vincent & Annette

Eintrag von Teresa Corceiro vom 05. Sep 2018

„Ich schaffe das!“, das war so ein Helmut-Satz. Er fiel häufig, wenn wir Fernsehautoren mal wieder viel zu viel Text hatten für die kurzen 22 Sekunden zwischen zwei O-Tönen und genau wussten: eigentlich war es ein Ding der Unmöglichkeit. So schnell konnte das keiner sprechen. Helmut konnte. Und es wird sein Geheimnis bleiben, mit welch unfassbarer Zungen-Akrobatik er das bitteschön bewerkstelligt hat. In atemberaubender Geschwindigkeit konnte Helmut unsere Sätze fehlerfrei ins Mikrofon sprechen. Dass er es auch dann noch schaffte, das eine kleine Fragezeichen, den Funken Ironie, die besondere Betonung mitzusprechen, das war das eigentliche Wunder. Er schaffte das. Helmut gab den Worten einen Sinn, der allzu oft über das hinausging, was der bloße Text hergab. Er machte lebendig, was das Geschriebene bloß versprach. Manchmal, wenn alle schon zufrieden waren, überraschte er uns mit einem: „lass mich bitte nochmal“. Dann war es stets eine verborgene Vieldeutigkeit, die er mit einer etwas anderen Betonung oder einer gekonnten rhetorischen Pause herausarbeitete. Nicht selten erschloss sich uns unser eigener Text auf eine neue und verblüffende Art und Weise. Helmut verstand, was er las und las so, dass sich Sinn einstellte. Was wir aber alle liebten, war seine Begeisterungsfähigkeit. Immer politisch interessiert, immer wach, immer leidenschaftlich. Oft schimpfte er schelmisch: „Ihr macht mich noch arm!“ Dann war es dieses eine Buch, das er sich, ermuntert durch einen der vielen Beiträge, die er gesprochen hatte, sofort gekauft und natürlich auch bereits gelesen hatte. Oder jene Ausstellung, jener Film, die er sich angesehen hatte. Seine Stimme bleibt in unseren Ohren, wenn wir selbst uns unsere Texte im Geiste vorsprechen – einfach nur, um zu hören, wie sie bei Helmut klingen könnten. Und sie bleibt nicht zuletzt in den Archiven, die das bewahren werden. Was fehlen wird, sind die guten Gespräche, die kleinen Anekdoten – kurzum: die Begegnungen.
„Ich schaffe das!“ Über seine Krankheit sprach er nicht. Fragen ignorierte er oder antwortete einsilbig. Und wir waren taktvoll genug, nicht nachzuhaken. „Ich krieg das hin“, wollte er sagen, „lasst mich nur machen“. Lieber Helmut, dass Du es dieses eine Mal nicht geschafft hast, macht uns unendlich traurig. Du fehlst.

Eintrag von Giovanni Scaduto vom 04. Sep 2018

Hab leider nie die Möglichkeit gehabt dich persönlich kennenzulernen, aber deine stimme und deine ruhige Art zu sprechen werden mir unheimlich fehlen. Deine stimme war einfach wunderbar und werde sie vermissen.
Mein Beileid geht an deine Familie.
Ciao Helmut

Eintrag von Uwe Wittstock vom 02. Sep 2018

Lieber Helmut,
Abschiednehmen ist nie leicht. Und manchmal ist es sehr schwer.
Zu dem Kreis der Freunde, Kollegen, Nachbarn von Helmut zähle ich mich auch, mein Arbeitszimmer auf dem Heilsberg liegt keine achtzig Schritte entfernt von Helmuts Arbeitszimmer. Aber mir kommt im Kreis der Freunde, Kollegen, Nachbarn keine besondere Rolle zu. Wenn ich bei der Trauerfeier zum Abschied von Helmut spreche, bitte ich, darin keine Anmaßung zu sehen, sondern es als Wunsch von Jutta, Mieka und Malte zu betrachten. Ich möchte gern von meiner Freundschaft mit Helmut erzählen, und hoffe, dass meine Erinnerungen an ihn einen Raum bieten, in dem andere ihre Erinnerungen wiederkennen.

Das erste, was ich von Helmut kennenlernte, war seine Stimme. Ich konnte ihn nicht sehen, ich konnte ihn nur hören. Es war vor gut 20 Jahren, Helmut saß in einer etwas unübersichtlichen Bürgerversammlung weit hinten, es ging um die Pläne der Stadt Bad Vilbel mit den Häuser auf dem Heilsberg, und natürlich gab es Ärger. Helmut hatte sich zu Wort gemeldet, stand auf und sagte seine Meinung, sehr klar und sehr entschieden und mit einer Stimme, die nicht zu überhören war. Sie grollte erst wie ein Unwetter und versuchte dann sanft wie das Schnurren eines Kätzchens unsere Kleinstadtpolitiker zurückzulocken auf einen Pfad der Vernunft. Wie gesagt, ich kannte Helmut vorher nicht und konnte ihn von meinem Platz aus zunächst nicht sehen, aber nach dem Mann mit dieser Stimme drehte ich mich um.

Bald merkten Helmut und ich, wie viel wir gemeinsam hatten. Das waren vor allem anderen: Kinder ungefähr im gleichen Alter. Bei Jutta und Helmut also Mieka und Malte, bei Annette und mir Nicolas, Marten und Lennart. Kinder bilden, gleichgültig wo sie sind, eine schier grenzenlose Gemeinschaft des Spielens, die auch ihren Eltern wunderbare Chancen zu neuen Freundschaften eröffnet. Doch schnell kam vieles andere hinzu: Wir hatten beide in Köln studiert: Helmut in den sechziger Jahren Theaterwissenschaft und Germanistik. Ich Germanistik und Theaterwissenschaft in den siebziger Jahren. Helmut war Schauspieler und Sprecher geworden, Sprache war sein tägliches Handwerkszeug. Ich Journalist und Literaturkritiker, was Sprache auch für mich zum täglichen Arbeitsmaterial machte.

Und noch etwas: Helmut stammt aus Neuss am Rhein, ich wuchs nur 40 Kilometer rheinaufwärts in Köln auf. Wir waren zwei Rheinländer im hessischen Exil. Es ist ein sehr freundliches, ein selbstgewähltes Exil, aus dem wir uns aber im Gespräch dennoch gern fortschlichen in die rheinische Grundhaltung, möglichst nichts allzu ernst zu nehmen.

Mein Gott, wie gern hat Helmut gelacht, mein Gott, wie großartig konnte Helmut lachen und vergnügt in sich hineinkichern. Mir kam es oft vor, als würde er in solchen Momenten ein wenig wachsen, sein Oberkörper hob sich, wippte auf und ab, während er lachte, und Helmut schien für einen Augenblick einen Fingerbreit über dem Boden zu schweben.

Auch Abschieden, die nie leicht und manchmal sehr schwer sind, hat er gerne mit einem Scherz und einem Lachen etwas von ihrem Gewicht genommen. Vermutlich wäre es in Helmuts Sinne, wenn wir auch am Ende dieser Abschiedsfeier lachen und möglichst nichts allzu ernst nähmen.

Zu meinen schönsten Erinnerungen an Helmut gehören einige abendliche und nächtliche Autofahrten durch das Rhein-Main-Gebiet und Hessen. Wir waren damals unterwegs zu den wechselnden Aufnahmeorten von Peter Härtlings langjähriger Radiosendung „Literatur im Kreuzverhör“. Härtling, der im vergangenen Sommer gestorben ist, hatte kurze literarische Texte ausgewählt, die Helmut in der Sendung vortrug. Ich gehörte zu der fünfköpfigen Raterunde, die zu erraten hatte, von welchen Autoren diese Textausschnitte stammten.

Das bot auf der Heimfahrt dann den perfekten Anlass, über die vorgelesenen Autoren und die gehörten Textsplitter zu reden. Wunderbar, wie viel ich von Helmut über das Theater gelernt habe, über seine Zeit am Max Reinhardt Seminar in Wien, über seine Engagements in der Schweiz, dann in Nürnberg, wo er Jutta kennenlernte, und vor allem über die zehn Jahre am Staatstheater in Darmstadt. Zu Hamlet und Macbeth macht man sich auch als Literaturkritiker seine Gedanken, aber was man mit diesen riesenhaften Figuren erlebt, wenn man sie auf der Bühne verkörpert, das kann einem nur ein Schauspieler erzählen, der sie gespielt hat. Ich werde nicht vergessen, wie Helmut mir Fritz Kortners Memoiren „Aller Tage Abend“ ans Herz legte und mir dabei erklärte, wie wichtig das richtige Timing ist für jeden professionellen Sprecher. Kortners großes Vorbild sei, sagte Helmut, der Langstreckenläufer Nurmi gewesen: „Denn der schaute beim Laufen auf die Uhr – um zu sehen, ob er nicht zu schnell ist.“

Wie sehr habe ich Helmut bewundert für seine Präzision als Sprecher – nicht nur, wenn er für Härtling kurze Ausschnitte, sondern wenn er ganze Bücher vorlas. Es war wie ein Zauberkunststück: Aus seinem Mund wurde jeder Text vollkommen klar, verständlich und transparent. Er hatte es zu seiner Kunst entwickelt, dem Zuhörer beim Lesen exakt die Betonungen zu liefern und kleinen Pausen zu verschaffen, die es braucht, um den Gedanken, der in dem Text steckt, tatsächlich verfolgen und begreifen zu können. Ein Kunststück, das ihm auch deshalb so gut gelang, weil er sich beim Lesen nie in den Vordergrund drängte, sondern bewusst hinter das Vorgelesene zurücktrat. Er nutzte seine Stimme, an der man sich als Zuhörer wärmen konnte wie im Winter an einer frisch gebrühten Tasse Tee, um den Text ins beste Licht zu rücken, nicht sich selbst. Diese Fähigkeit steht im Theater heute nicht immer hoch in Kurs. In Nürnberg soll ihn ein Regisseur einmal getadelt haben: „Helmut, Du sprichst so gut, schluder’ doch mal ein bisschen.“

Zu den üblichen Vorurteilen über Schauspieler gehört, dass sie unsagbar eitel sind. Vielleicht kann das auch nicht anders sein, wenn man einen Beruf ausübt, der es verlangt, sich selbst mit Haut und Haar öffentlich auszustellen. Aber ich habe nie einen uneitleren Schauspieler kennengelernt als Helmut. Vielleicht war auch das einer der Gründe, weshalb er sich von der Bühne verabschiedet und seinen Platz hinter dem Mikrophon des professionellen Sprechers eingenommen hat. Er liebte es mehr, Literatur zu präsentieren als sich selbst. Der Text war ihm wichtiger, als das eigene Gesicht in eine Kamera zu halten.

Helmut war für mich immer ein Mann mit ganz besonderen Fähigkeiten und Talenten. Und die größte seiner Begabungen war für mich seine Fähigkeit, trotz seines außerordentlichen Könnens kein Aufhebens um sich zu machen. Er hatte die erstaunliche und sehr seltene Gabe, von sich selbst abzusehen. Er liebte seine Arbeit, sie war seine Passion, in ihr konnte er aufgehen. Er selbst kam erst danach.

Abschiednehmen ist nie leicht und manchmal ist es schwer. Als Annette und ich vor vier Wochen das letzte Mal bei ihm waren, fühlte ich, wie meine Bewunderung für Helmut immer weiter wuchs. Seine Ruhe, seine Gelassenheit, ja seine Heiterkeit trotz der Krankheit haben mich umgehauen. Auch in dieser Situation hatte er die Kraft, von sich selbst abzusehen. Brecht hat in einem seiner letzten Gedichten davon geschrieben, er freue sich nicht nur an den Vögeln, die er vor seinem Fenster singen höre, sondern er freue sich auch an dem Gesang der Vögel, die noch dann vor seinem Fenster singen werden, wenn er nicht mehr da sei. Etwas von dieser erstaunlichen, dieser selbstlosen Freude am Leben habe ich bei diesem Besuch bei Helmut gespürt.

Eine Rede auf Helmut sollte nicht, ja darf nicht in düsterer Tonlage schließen. Dafür hat er viel zu gern gelacht und das Leben genossen. Ich erinnere mich an unsere nächtliche Autofahrt, als mir Helmut von Wien und Fritz Kortner erzählte. Einmal sei, sagte Helmut, Kortner nach dem Unterschied zwischen dem Berliner Schillertheater und dem Wiener Burgtheater gefragt worden. Der Unterschied, antwortete Kortner, sei nicht groß: „An beiden Theatern wird miserabel gespielt. Aber am Burgtheater sind sie stolz darauf.“

Doch die beste Geschichte, die Helmut mir damals erzählte, ist die von dem alten Kortner, der nachts im Zug sitzt und sein müdes, kränkliches Gesicht im spiegelnden Fenster studiert. Bis ihn ein Fremder anspricht und sagt:
„Sie sehen aus wie Fritz Kortner, aber ich weiß, Sie können es nicht sein.“
„Warum nicht?“, fragte Kortner.
„Weil“, so der Mitreisende, „meine Frau mir unlängst erzählt hat, dass Kortner tot ist.“
Kortner zuckte die Achseln: „Sagen Sie ihrer Frau, Kortner lebt.“
Als sein Blick dann wieder auf sein Spiegelbild im Fenster fiel, fügte er schnell hinzu: „Aber sagen Sie es ihr bald!“

Lieber Helmut, nach dieser mustergültigen Pointe lachten wir beide lauthals nachts auf dieser Heimfahrt im Wagen, und wir hätten, ein wenig Licht vorausgesetzt, unsere Gesichter in den Seitenscheiben des Autos studieren können. Wir wussten das, aber es machte nichts. Wir lachten und genossen den Moment, und ich schwöre, für einen winzigen Augenblick schwebte unser Wagen einen Fingerbreit über dem Boden.

Eintrag von Rotraut De Clerck vom 01. Sep 2018

Helmut Winkelmann hat über sieben Jahre in der von Maria Gazzetti und mir in Kooperation organisierten Reihe Psychoanalyse in der Literatur - Literatur in der Psychoanalyse am Literaturhaus Frankfurt die Freud Texte gelesen.
So wurde er "unser Freud".
Er hat mit seiner Stimme die Tiefe des Unbewußten ausgemessen und ebenso die Höhen der theoretischen Reflexion. Er war ein Meister des Übergangs vom Einen zum Anderen und konnte auf diese Weise unnachahmlich das Besondere an Freuds Erbe für unsere Gegenwart erfahrbar machen.
"Besonders liebte er gute Geschichten": Zu meinem 70 Geburtstag, den ich im neuen Literaturhaus feierte, machte er mir ein besonderes Geschenk: Er las Freuds "Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit", über den kleinen Goethe der das Porzellan aus dem Fenster in den Hirschgarten befördert angesichts der Ankunft eines Brüderchens.Eine gute Geschichte. Er hatte so viel Schalk in der Stimme. Und selber seinen großen Spass dabei.
Ich kann nicht fassen, daß es ihn nicht mehr gibt. Aber seine Präsenz bleibt unvergessen.
Rotraut De Clerck

Eintrag von Jutta vom 31. Aug 2018

Jetzt bist du weg.

Richtig begreifen kann ich das noch nicht.

Du warst für mich und unsere Kinder der Fels in der Brandung.

Ab jetzt ist alles anders…

Einer deiner Lieblingssätze war ein Ausruf des Regisseurs Fritz Kortner an einen Schauspieler während einer Probe:

„Machen Sie nicht so schnell, so viel Zeit haben wir nicht!“

Danach hast du auch gelebt.

Deine innere Ruhe, deine Gelassenheit und Geduld haben mich immer erstaunt und bewegt. Die hast du auch in unserer Beziehung immer gezeigt:

Du hast geduldig auf mich gewartet: als wir uns kennengelernt haben, war ich 19 Jahre alt und grade am Beginn meines Abiturjahres und alles andere als bereit für eine feste Beziehung. Und du warst ein Mann im besten Alter, voller Erfahrung mit einem ereignisreichen Leben im Rucksack, bereit und überzeugt, in mir den richtigen Ankerplatz gefunden zu haben. Einer deiner ersten Sätze zu mir war: „mit dir will ich alt werden“.

Du hast mein Dilemma des Timings instinktiv verstanden und die Souveränität und Geduld gehabt, mir im vollen Vertrauen Zeit zu geben und damit auch in Kauf zu nehmen, dass du ein „später“ Vater werden würdest. Danke dafür!!!!!

Ende und Anfang, das Alpha und Omega, wie es so schön heißt, gehören immer zusammen, bilden ein Ganzes. So spülen auch mit deinem Abschied unsere Anfänge an die Oberfläche, die Erinnerungen daran überfluten mich süß-schmerzlich.

In unserem allerersten Augenkontakt lag schon unsere gesamte Geschichte.

Es war bei einem Karate Training einiger Schauspieler im Nürnberger Schauspielhaus, das mit einer stillen Sitzmeditation begann. Dabei ist es ungeschriebener Codex, die Augen geschlossen zu halten bei kontemplativer Stille. Etwas zwang mich, diesen Codex zu ignorieren und meine Augen in deine Richtung zu öffnen. Der Schreck war groß, als ich schnurstracks auf deine ebenfalls „verbotenen“ weit geöffneten Augen traf, die in einer durchdringenden Weise auf mich gerichtet waren. Sehr offenherzig, sehr tief und ernst und gewichtig. Auch ein bisschen zielsicher herausfordernd.

Dieser kleine riesengroße Augenblick, in dem Raum und Zeit wie weggeblasen waren, war wie eine Besiegelung, ein Wiedererkennen voller Wärme, Verständnis und geborgener Sicherheit. Wir wussten beide, dass die Weichen gestellt waren.

Mit einem Glücksgefühl zwei schicksalhafte Puzzlesteine gefunden zu haben, die ineinander passen.

Der Anfang trägt das Ende in sich.

In unseren Augen spiegelte sich damals bereits die gesamte Zukunft: unser gemeinsamer Weg durch dick und dünn über alle Höhen und Tiefen, die es auch gegeben hat; dass die Oberfläche nicht immer aussagekräftig ist, sondern es viel wichtiger ist, dass unser Band in der Tiefe unzerstörbar ist, und dass wir das mit zwei gemeinsamen Kindern krönen würden. Wobei du ganz nebenbei überraschend bei Mieka`s Geburt, nervenstark und gekonnt die Hebamme ersetzt hast, die ohnmächtig wurde! Und auch bei Malte warst DU der erste, der ihn in Empfang genommen hat!

Dass du die Toleranz, das Vertrauen und die Geduld haben würdest, mir Freiraum und Zeit zu geben in all deiner Großzügigkeit, dass du dabei deine authentische Eigenständigkeit immer bewahrt hast, dass du der Rohbau bist und ich die Einrichtung, dass du die Ruhe bist und ich die Bewegung, du der See und ich der Fluss, dass du der Bass bist und ich der Sopran.

Du warst in der Intimität der Familie ebenso der eloquente Gentleman, unser Sean Connery, der oft die Contenance behielt, konntest aber durchaus auch deine grollende Donnerstimme abrufen. Und wie das so ist mit dem Propheten im eigenen Land, waren wir, deine Familie, oftmals die schlechtesten Zuhörer, weil wir viele der Geschichten und Erzählungen schon kannten……

Und lieber Helmut, du hattest auch Seiten, die verbesserungswürdig wären, z.B. hättest du ruhig mal lernen können wie die Heizung im Haus zu bedienen ist. Oder die Schrauben nicht immer so fest anzuziehen, erinner dich: „nach fest kommt ab! Oder wie man ein simples Photo von den Kindern macht! Kleine Alltagsgeschäfte waren nicht dein Ding.

Auf der andern Seite hast du, die Familie war außer Haus, unter Lebensgefahr mit schon über 70 Jahren den Irrsinn besessen, in unsere riesengroße Rubinie zu klettern und sie ungesichert stückchenweise ganz allein zu fällen- du Wahnsinniger!



Und mit mir hattest du`s auch nicht immer einfach: meine Ideen waren manchmal unbequem für dich und überfallartig, ich der Sprinter, du der Marathonläufer, und mein Ruf „Helmut, kannst du mal schnell….“ hat dich oft störend aus deinem geliebten Patience Spiel bei einem Glas Prosecco gerissen.


„Machen Sie nicht so schnell, so viel Zeit haben wir nicht“

Auch beim Abschiednehmen hast du dir deine Zeit genommen:

Die letzten 4 Monate waren unsere härteste Lektion, die Lektion in Demut und Schmerz, die du bewunderungswürdig klaglos angenommen hast, mit genau der dir eigenen Gelassenheit und Anspruchslosigkeit. Es war aber auch eine sinnreiche wertvolle Zeit, die wir gemeinsam zuhause erleben konnten und wie du es treffend ausgedrückt hast, unserer Beziehung zusätzlich eine andere Dimension gegeben hat. Und auch in dieser schwierigen Phase hast du dir deinen trockenen Humor und deinen Esprit bewahrt, der uns immer wieder zum Lachen brachte und für Leichtigkeit gesorgt hat. Danke auch für diese reichhaltige Zeit, in der du dich auch zumuten konntest und gelernt hast, dankbar Hilfe anzunehmen.

Es war mir eine Ehre, dass zur Abwechslung mal ich der Fels in der Brandung sein durfte!

Wenn ich es schaffe, wieder Raum und Zeit wegzublasen, wie in unserem ersten Augenblick, dann bin ich mir sicher dich wieder zu finden und aus dem Ende einen neuen Anfang entstehen zu lassen.

Ich arbeite dran!

Eintrag von Elke Schützhold vom 31. Aug 2018

Mir fällt ein:
Ich war immer ungeduldig, wenn wir wieder mal -wie so oft- auf einen Redakteur warten mussten, aber Du bliebst gelassen, Helmut. Hattest auch immer Verständnis und warst großzügig. Wenn ich’s eilig hatte, hast Du mir angeboten, dass mein Part vorgezogen werden könnte, D u würdest dann warten.
Du warst so geduldig und immer präsent und auf den Punkt, auch wenn wir manchmal richtig lange warten mussten.
Gestern war ich bei Deiner Trauerfeier. Hast Du die vielen Leute gesehen??


Adieu Helmut!

Elke

Eintrag von Hadi Geiser vom 30. Aug 2018

War gerade auf der sehr bewegenden Trauerfeier für Helmut ...
Es war mir immer eine große Freude, mit Helmut bei Radio-Werbe-Produktionen zusammenzuarbeiten. Eines Tages bat ich ihn, ein von mir im Liebesrausch verfasstes Gedicht an meine neue Herzdame im legendären SPOT Tonstudio in Oberursel zu vertonen. Ohne zu zögern (und ohne Entgelt) sagte er zu und veredelte das eher schlichte Poem mit seinem grandiosen Timbre. Mit der fertigen Produktion konnte ich vor meiner Liebsten großen Eindruck schinden ... Danke, Helmut!

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